LEHRSTÜCK ORESTEIA


Paidéia Associação Cultural, São Paulo, 2023

Chorische Workshops mit Jugendlichen und dem Schauspielensemble des brasilianischen Theaters Paidéia. Nach einem ersten Aufenthalt 2009-2010 und einer Stückentwicklung im Jahre 2014 kehrte Florian Hein 2023 mit Hilfe des Kulturaustausch-Stipendiums GLOBAL des Berliner Senats für 5 Wochen nach Brasilien zurück.
In Auseinandersetzung mit Aischylos Orestie gab er dabei Einführungs Workshops zum Thema Chor und entwickelte kleine Szenen mit den Jugendlichen, aber auch dem professionellen Ensemble des Kinder- und Jugendtheaters Paidéia.
Im Blickpunkt der Workshops standen insbesondere musikalische Formationen.
Die Workshops wurden mit einer Präsentation, die die einzig erhaltene Tragödien Trilogie der Antike dem Publikum vorstellte, abgeschlossen.

Zudem entstand während des Aufenthaltes in Brasilien ein Prosatext, der sehr subjektive Erlebnisse und Veränderungen kultureller Zusammenarbeit aus deutscher Perspektive festhielt. Der Text besteht aus 12 Kapiteln und beschreibt unterschiedliche Stationen in der Zusammenarbeit der Paidéia und Florian Heins im Zeitraum 2009-2023. Die Texte sind versammelt unter dem Titel Os gritos do Futuro - Ein Stück Reise und wurden der Paidéia anlässlich ihres 25. jährigen Bestehens gewidmet und ins portugiesische übersetzt.

 
Fotos: Nele Sock
Os Grits do futuro - Ein Stück Reise.

Ausflug*

Ich habe von Jaguaren geträumt.

Und dann von der Machete in meiner Hand, während wir leise auf dem Boot über den Fluss gleiten. Und von den Delphinen, die ich nicht sehe, aber von denen ich weiß, dass sie im Wasser sind, im Amazonas.

Der erste Jaguar war gelb und schwarz. Der zweite eher gelb und  hellbraun, der nächste dunkelrot und mit dunkelgelben Tupfern und so ging es weiter. Sie kamen in allen Farben. Und ich verbrachte den Tag auf einem Baum. Denn unter mir fand die Versammlung der Jaguare statt. Und der Pumas. Es war wohl eine Art Balzverhalten, jedenfalls kamen sie zu sechst und sie kamen in allen Farben.

Als ich aufgewacht bin, konnte ich mich kaum mehr erinnern. Erst am Abend kehrten die Bilder zurück.

Draußen scheint die Sonne, sie geht gerade auf. Unten sehe ich kleine Figuren ins Wasser steigen. Es sind die ersten Surfer. Auch ich werde heute früh zum Strand gehen. Ich reibe mich mit Sonnencreme ein und trinke einen Café, während die Sonnencreme einzieht. Später will ich einen Wasserfall suchen.

Ich ging in den Wald hinein und den Berg hinauf, weg von der Bucht, weg von der Straße.

Nach einer Weile erreichte ich ein Schild: Durchgestrichen stand da, dass ich geschütztes Territorium erreichen würde, einen indigenen Bereich, gezeichnet vom Staat und dem Justizministerium.  Dahinter fand ich die Häuser, von denen mir die Jugendlichen erzählt hatten. Auf der ersten Hütte eine Wandmalerei.

In der Senke zwischen den anderen drei Häusern lagen drei Hunde in der Sonne und vor einem der Häuser saßen ältere Leute, schauten auf ihre Telefone. Ich erzählte, dass ich den Wasserfall suchte und ihn gerne besichtigen würde. Ich hätte mich ankündigen sollen, jetzt sei niemand da und alleine könne ich nicht gehen, sagt eine der Frauen zu mir. Das hätte ich nicht gewusst, ich sei nur aus Neugier gekommen, mir war nicht klar, wie es hier ablaufe und verabschiedete mich.

Ich stand wieder auf dem Weg. Aber ich wollte noch nicht wieder nach unten und also ging ich weiter, ich will zumindest den Gipfel sehen, dachte ich. Es ging ein paar Kurven nach oben, vorbei an zwei sehr einfachen Häusern und wieder durch den Wald. Nach einer Weile sah ich eine größere Häuseransammlung. Aber keinen Menschen. Ein Stück weiter eine Baracke aus Holz und Lehm, auf der Wiese davor ein paar Hühner und ein großes Stück Holz, das sehr sorgfältig zu einem Bieber geschnitzt werden würde. Ich schaute eine Weile in den Garten und dann kam ein Mann aus dem Haus. Ich erzählte ihm, dass ich den Wasserfall besuchen wollte, aber wohl niemand da sei, der ihn mir zeigen könne. Er sagte: Doch, das geht schon, du musst nur jemanden finden, der ihn dir zeigt. Wo kann das sein? Geh ein Stück wieder hinunter, da wo die kleine Brücke ist. Frag dort die Jungen.

Mir war nicht ganz klar, welchen Ort er gemeint hatte. Da kam ein anderer, ein sehr Junger, die Hände trugen Schüssel voll Essen. Ich erzähle ihm, warum ich da sei. Ja ja, probier es weiter unten.

Als nächstes kämen nur die beiden sehr einfachen Baracken, das wusste ich. Also blieb ich stehen, an der Stelle, wo es vom Weg zu den Häusern ging. In einem rauchte der Ofen, in das andere eilte ein Mädchen, sie kicherte, als sie mich sah und verschwand schnell. Dann tauchte sie nochmal auf, kicherte wieder. Ich wartete ein paar Minuten. Dann hörte ich Stimmen und es kam ein großer junger Mann heraus. Er lächelte.  Ich erzähle ihm wieder, dass ich den Wasserfall sehen wollte und mich frage, ob es eine Möglichkeit gäbe, unten sei wohl niemand da, um ihn mir zu zeigen. Er schaute kurz auf seine Uhr und sagte, wenn wir uns beeilen, schaffen wir es.

Wir gingen zusammen hinab. Er hatte ein neues Auto in der Senke geparkt.  Vor dem stand ein älterer Mann mit einer schönen Halskette aus großen Zähnen. Sie sprachen miteinander, aber nicht auf portugiesisch. Der ältere musterte mich kurz, nickt leicht und sagt: "Gut." Ich bedankte mich und eilte Josué hinterher. Er sagte: "Er ist sonst nie so.. Was genau er damit meinte, wusste ich nicht. Aber ich freute mich.

Der Mann, der uns sein Einverständnis erteilt hatte, war das Oberhaut der Gemeinde, der Häuptling. Wir liefen sehr schnell durch den Wald den Berg hinunter.

Über einen steilen Pfad erreichten wir kletternd den Fluss.

Welchen willst du sehen? Es gibt drei.. Hier vorne einen und dann einen weiter unten mit einem Becken und oben noch einen. Und eine Höhle.

Josué Kuruaty zeigte mir, wo ich langgehen soll. Wir  wandern durch den Strom. Und immer fragt er mich: Willst du den leichten oder den schweren Weg? Und wenn ich sagte den leichten, lachte er und wenn ich sagte, den schweren, lachte er auch und freut sich, wenn ich es geschafft habe.

Und dann springen wir ins Wasser.

Und wir machen Fotos und er sagt mir, wie ich ins Wasser springen soll, um mich nicht zu stoßen. Ich frage ihn ein paar Dinge und erzählt, wie er als Kind hier war und ich erzähle, dass ich die Videos und Bilder für meine Tochter mache, um ihr zeigen zu können, wie Brasilien auch ist.

Irgendwann sage ich, dass es hier in der Gegend sicher keine Jaguare mehr gäbe. Aber er widerspricht: doch, die gefleckten aber sogar auch die schwarzen. Als ich zu den Seiten in den Wald schaue, lachte er wieder.

Er zeigt mir auch noch eine Höhle und erklärt mir, wie ich die großen Steine hinaufklettern kann, ohne abzurutschen. Und als zwischen zwei Steinen einmal ein großer Abstand ist und ich zögere, weil ich Angst habe, abzurutschen und hinunter zu stürzen, lacht er wieder und sagt, das ist nicht viel mehr als ein Meter… Und ich springe und komme auf die andere Seite.

Am Ende schaute er wieder auf seine Uhr und sagte, wenn du noch mehr sehen willst, musst du nach oben gehen, bis zu der Brücke, hier auf dem Pfad an der Seite des Flusses. Und ich bat ihn um seine Nummer, um ihm die Fotos und Videos von unserem Ausflug zu schicken.

Wir verabschiedeten uns und ich war so froh. Und am Abend schickte ich ihm unsere Aufnahmen und ein paar Fotos von den Dingen, die ich mit meiner Tochter in Deutschland mache. Ich sendete ihm Videos vom Schlittschuhlaufen auf Eis in Berlin.

*Auszug aus dem Prosatext: Os Grits do Futuro - Ein Stück Reise

Gefördert durch das Kulturaustauschstipendium GLOBAL des Berliner Senats, 2023.